Ferien als Zeit der Begegnung
by Michelle Kelterborn
Naturheilpraktikerin mit ODA Zertifikat Homöopathie SHS

Die Ferienzeit konfrontiert uns oft mit einer wichtigen Frage:
Was brauche ich wirklich, damit es mir gut geht?
Während die eine Person Kraft aus Begegnungen und gemeinsamen Erlebnissen schöpft, benötigt die andere mehr Ruhe und Rückzug. Gerade Menschen mit einer Krebserkrankung erleben diese Unterschiede oft besonders intensiv. In der Homöopathie interessieren wir uns genau dafür:
Wie erlebt ein Mensch seine Situation? Welche Gefühle begleiten ihn dabei? Was schenkt ihm Kraft und was raubt Energie?
Die Ferien können eine wertvolle Gelegenheit sein, diesen Fragen nachzugehen und den eigenen Bedürfnissen bewusster zu begegnen.
Ferien sind nicht für alle gleich erholsam.
Viele Menschen verbinden Ferien mit Familienfesten, Ausflügen, Besuchen und Reisen. Für Krebsbetroffene können diese Erwartungen jedoch belastend sein. Es können Fragen entstehen wie:
- Schaffe ich das körperlich?
- Muss ich überall dabei sein?
- Enttäusche ich andere, wenn ich absage?
- Darf ich einfach Ruhe brauchen?
Was für die eine Person Erholung bedeutet, kann für die andere anstrengend sein. Während manche Menschen den Austausch mit Familie und Freunden suchen, wünschen sich andere mehr Stille, Zeit in der Natur oder Momente des Rückzugs. Nicht selten wechseln diese Bedürfnisse sogar von Tag zu Tag.
In der homöopathischen Begleitung beobachte ich immer wieder, wie unterschiedlich Menschen mit Belastungen umgehen. Genau diese individuellen Reaktions- und Verhaltensmuster stehen im Mittelpunkt. Denn nicht jeder Mensch erlebt Krankheit, Erholung oder zwischenmenschliche Begegnungen auf dieselbe Weise.
Wenn die eigenen Signale deutlicher werden
Im Alltag werden die eigenen Signale oft überhört. Termine, Verpflichtungen und Routinen lassen wenig Raum, um innezuhalten. In der Ferienzeit wird dagegen häufig spürbar, wo das persönliche Gleichgewicht aus dem Lot geraten ist.
Plötzlich wird deutlich:
- Ich brauche mehr Ruhe als früher.
- Ich möchte nicht ständig über meine Krankheit sprechen.
- Bestimmte Begegnungen tun mir gut, andere kosten viel Energie.
- Ich wünsche mir Unterstützung, weiß aber nicht, wie ich darum bitten soll.
Werden diese Wünsche und Grenzen nicht wahrgenommen oder ausgesprochen, entstehen leicht Missverständnisse – gerade mit den Menschen, die uns am nächsten stehen. Viele Konflikte entstehen nicht durch unterschiedliche Bedürfnisse, sondern dadurch, dass sie unausgesprochen bleiben.
Die Bedeutung des Zuhörens
Jede homöopathische Begleitung beginnt mit dem Zuhören. Nicht die Diagnose steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seiner ganz persönlichen Geschichte.
In der ausführlichen homöopathischen Anamnese nehmen wir uns Zeit, individuelle Empfindungen, Reaktionen und Bedürfnisse kennenzulernen. Wie geht jemand mit Belastungen um? Was tut ihm gut? Was belastet ihn besonders? Diese Beobachtungen helfen dabei, den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen.
Vielleicht kann die Ferienzeit auch eine Einladung sein, sich selbst auf diese Weise zuzuhören. Nicht mit dem Anspruch, sofort Antworten finden zu müssen, sondern mit Offenheit für das, was sich zeigt.
Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“
Eine Patientin freut sich beispielsweise auf das jährliche Familienfest und merkt dennoch nach kurzer Zeit, dass ihre Kräfte schwinden. Eine andere sagt Einladungen lieber im Voraus ab und verbringt die Ferien bewusst in einem kleinen Kreis oder allein in der Natur.
Beide Wege können stimmig sein.
Entscheidend ist nicht, was andere erwarten oder was früher möglich war. Entscheidend ist, wahrzunehmen, was im gegenwärtigen Moment guttut. Daraus entsteht die Grundlage für eine ehrliche und wertschätzende Kommunikation mit dem eigenen Umfeld.
Fragen, die Orientierung geben können
In der homöopathischen Praxis nehmen solche Fragen einen wichtigen Platz ein. Sie helfen dabei, den Menschen hinter der Diagnose besser kennenzulernen und zu verstehen, wie er seine aktuelle Situation erlebt.
Oft sind es nicht nur die körperlichen Beschwerden, die im Mittelpunkt stehen, sondern auch die Frage, was Kraft schenkt, was belastet und welche Bedürfnisse im Alltag oder während der Ferienzeit besonders spürbar werden.
Dabei können Fragen hilfreich sein wie:
- Wann fühle ich mich am wohlsten?
- Welche Begegnungen schenken mir Kraft?
- Welche Situationen erschöpfen mich?
- Wo wünsche ich mir mehr Rückzug oder mehr Nähe?
- Was würde mir diese Ferienzeit erleichtern?
- Welche Unterstützung wünsche ich mir?
- Was möchte ich gerne gemeinsam erleben?
- Wo brauche ich Verständnis für meine Grenzen?
In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass bereits das bewusste Nachdenken über solche Fragen neue Erkenntnisse ermöglichen kann. Wer die eigenen Bedürfnisse besser versteht, kann sie oft auch klarer kommunizieren – und schafft damit die Grundlage für mehr Verständnis im familiären und sozialen Umfeld.
Fazit
Die Ferienzeit erinnert uns daran, dass Erholung für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Während die einen Nähe und gemeinsame Erlebnisse suchen, brauchen andere mehr Ruhe und Rückzug. Gerade während einer Krebserkrankung dürfen diese Bedürfnisse ernst genommen werden.
Die Homöopathie betrachtet den Menschen in seiner Einzigartigkeit. Sie lädt dazu ein, die eigenen Empfindungen bewusst wahrzunehmen und ihnen Bedeutung zu schenken. Genauso wichtig ist es, diese Bedürfnisse offen und wertschätzend zu kommunizieren. Denn Verständnis entsteht dort, wo Menschen einander zuhören.
Vielleicht liegt die eigentliche Chance der Ferienzeit nicht darin, möglichst viel zu erleben, sondern darin, sich selbst ein Stück näherzukommen – und den Mut zu haben, das, was man braucht, auch auszusprechen.
Herzlichst
Michelle Kelterborn
Naturheilpraktikerin Fachrichtung Homöopathie
Fachfrau Gesundheit EFZ, Spitex
Praxis Trachsel, Rapperswil












