Über den Umgang mit Krebserkrankten
Gedanken aus der Praxis
by Martina Heinz
Heilpraktikerin HPG/D
Dozentin für Naturheilkunde
Psychoonkologie
«Krebs ist eine gravierende Krankheit, die eine gravierende Lebensveränderung benötigt»
Das ist ein Satz meiner Lehrerin Dr. Rosina Sonnenschmidt. Aus der Praxis heraus kann ich das zu 100 % unterschreiben.
Doch dieser Satz wird oft missverstanden. Es geht nicht darum, dass die Patient:innen etwas «falsch» gemacht haben oder gar «Schuld» an ihrer Erkrankung tragen.
Die zentrale Frage ist vielmehr:
Was braucht der Mensch, um in seiner Kraft zu bleiben?
Was gibt ihm Geborgenheit, Halt und Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft?

Kommunikation ist ein Schlüssel
Viele Menschen meiden den Kontakt oder das offene Gespräch mit Krebsbetroffenen aus Unsicherheit oder Angst, etwas falsch zu machen. Sätze wie «Wie geht es dir?» oder «Was kann ich für dich tun?» werden vermieden und dies aus ganz menschlichen Gründen: Angst
- Angst, das Falsche zu sagen
Du kannst nichts schlimmer machen. Die Situation ist bereits ernst genug. Dein Mitgefühl zählt.
- Angst vor der eigenen Hilflosigkeit
Dein Gegenüber ist sehr wahrscheinlich noch viel hilfloser als du. Du musst nicht stark sein. Zuhören ist oft das grösste Geschenk.
- Angst vor Überforderung
Auch dein Gegenüber ist überfordert und vielleicht gerade deshalb dankbar für jemanden, der ehrlich zuhört.
- Angst vor Emotionen
Gefühle sind normal. Vielleicht tut es der betroffenen Person sogar gut zu sehen, dass es dich berührt.
- Angst, aufdringlich zu wirken
Das erfährst du erst, wenn du fragst. Gib dem Gegenüber die Chance, selbst zu entscheiden, ob es reden möchte.
- Angst vor Ablehnung
Es geht nicht um dich. Wenn Schweigen gerade das Richtige ist, ist das völlig in Ordnung.
- Angst vor dem Thema Tod
Krebs bedeutet heute nicht mehr automatisch sterben. Und dennoch: Betroffene setzen sich mit dem Tod auseinander, manchmal offener und bewusster, als wir es gewohnt sind. Warum also nicht ehrlich darüber sprechen?
Was krebserkrankte Menschen (und ihr Umfeld) brauchen:
- Begegnung auf Augenhöhe
Von Mensch zu Mensch. Echtes Interesse und Respekt sagen mehr als viele Worte.
- Mitgefühl statt Mitleid
Mitfühlen heisst: Du nimmst dein Gegenüber ernst, ohne dich in den Mittelpunkt zu stellen.
- Ehrlichkeit statt Floskeln
Wenn dir die Worte fehlen, sag das:
«Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da.»
- Raum für Rückzug
Nimm es nicht persönlich, wenn dein Gegenüber nicht reden mag.
- Rede klar und nicht um den heissen Brei herum
Frage offen: «Wie nennst du deine Erkrankung? Krankheit, Krebs, Diagnose? Was fühlt sich für dich stimmig an?»
- Biete konkrete Hilfe an
Nicht: «Melde dich, wenn du was brauchst».
Sondern: «Ich gehe einkaufen. Soll ich dir etwas mitbringen?»
Oder: «Ich fahre zum Recyclinghof. Kann ich etwas für dich mitnehmen?»
Auch Angehörige und Freunde sind betroffen
Sie tragen oft still ihre eigene Last aus Angst, Sorge und Ohnmacht. Ihnen offen zu begegnen gibt auch Ihnen Kraft: «Wie geht es dir als Partner:in, Mutter, Freund… damit?»
Trauma verstehen
Viele Krebserkrankte befinden sich in einer Art «Traumavakuum».
Sie funktionieren momentan nur noch («Wann ist mein nächster Termin?») oder sind wie gelähmt von der Diagnose («Das ist sicher ein Irrtum. Ich habe doch immer gesund gelebt»).
Ein Trauma entsteht, wenn ein Mensch durch eine Situation überfordert ist und das Nervensystem in einen Zustand anhaltender Alarmbereitschaft gerät. Die «gewohnten» Bewältigungsstrategien sind ausgefallen oder gerade nicht abrufbar. Die Welt wirkt plötzlich
irreal oder brüchig. Die Diagnose kann sogar als Lüge empfunden werden kann.
Dabei ist nicht allein die Diagnose das unfassbare, sondern die Hilflosigkeit, Überwältigung oder der Kontrollverlust, die sie mit sich bringen kann.
Es gibt Menschen, die einen Rückzug benötigen, andere suchen Nähe. Wieder andere brauchen Bewegung, Sport oder Ablenkung. Die Diagnose muss sich setzen, das entstandene innere Chaos braucht Raum.
Frage in solchen Momenten nicht vorschnell: «Was macht der Krebs mit dir?»
Sondern frag: «Was brauchst du – jetzt, heute – damit es dir gut geht?»
Denn: ein krebsbetroffene Mensch darf, ja muss in dieser Zeit auch einmal ganz egoistisch sein und sich selbst an die erste Stelle stellen.
Heilung bedeutet, wieder Sicherheit und Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen. Das beginnt mit dem Verständnis für die eigene Situation, dem Wissen, was jetzt wichtig ist und wer ausserhalb des medizinischen Apparates eine sinnvolle Unterstützung sein kann.
Oft schrumpft das Umfeld in diesem Zeiten. Nicht immer nur aus Angst, weil man nicht weiss, wie man sich verhalten soll. Nein. Meist ist es so, weil sich in dieser Zeit das Wesentliche zeigt. Für vieles, das früher wichtig und lieb war, bleibt keine Kraft.
Das ist kein Zeichen für Scheitern, sondern eine wichtige Neuordnung.
Was aber auch nicht vergessen werden darf.
Wir dürfen auch hilflos sein. Genauso wie die Betroffenen. Und wenn wir im Mitgefühl sind, nehmen wir ein «Nein» nicht persönlich.
Du bist betroffen?
Nimm dir das Recht, egoistisch zu sein.
Nimm dir Zeit.
Nimm deinen Raum ein.
Du musst das nicht allein schaffen.
Herzlichst
Martina von der Insel










