Wenn Gedanken leise bleiben

Die Homöopathie als Brücke zur Verbalisierung des Unsagbaren

by Michelle Kelterborn

Naturheilpraktikerin mit ODA Zertifikat Homöopathie SHS

Eine Krebsdiagnose löst oft massive innere und äussere Dialoge aus. Doch nur ein kleiner Teil dessen, was ein Mensch denkt, wird tatsächlich ausgesprochen. Viele Selbstgespräche verlaufen in inneren Bildern, als Gefühlston oder inneres Sprechen. Eine homöopathische Anamnese kann hier eine Brücke sein. Sie hilft, das Unsagbare in Worte zu fassen und regt so den Prozess des inneren Dialogs an.

Zwischenmenschliche Kommunikation bei Krebs

Im Alltag der medizinischen Betreuung steht häufig die Fachsprache im Vordergrund, Befunde und Therapiepläne nehmen viel Raum ein. Dabei geht oft verloren, wie die betroffene Person das Geschehen innerlich erlebt.


Angst, Schuld, Hoffnung oder Sinnfragen sind nur einige Beispiele für den inneren Dialog nach einer Diagnose. Viele Gedanken sind nicht klar sprachlich, sondern diffus, emotional oder bildhaft. Sie bewusst auszusprechen kann schwerfallen.


Dennoch hilft es, das eigene Erleben wahrzunehmen und Gedanken zu ordnen.


Selbstgespräche und die Forschung von Russell Hurlburt

Der US-amerikanische Psychologe Russell T. Hurlburt beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit dem inneren Erleben.

Sein Ziel war es nicht, herauszufinden, was Menschen glauben zu denken, sondern was sie tatsächlich in einem bestimmten Moment erleben. Seine Forschung zeigt: 


„Gedanken laufen viel seltener in klaren inneren Sätzen ab, als die meisten Menschen annehmen.“


Hurlburt unterscheidet dabei fünf Formen des inneren Erlebens:

  • Inneres Sprechen: klare, sprachliche Sätze im Kopf (überraschend selten)
  • Innere Bilder: visuelle Szenen oder Fragmente
  • Gefühlston: Gefühle ohne Worte oder Bilder
  • Unsymbolisiertes Denken: Gedanken ohne Sprache oder Bild
  • Innere Wahrnehmung: Aufmerksamkeit auf Geräusche oder Körperempfindungen


Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Selbstgespräche weit mehr sind als inneres Sprechen. Sie bestehen aus Emotionen, Bildern, Wahrnehmungen und nicht-sprachlichen Gedanken. Von allem, was im Kopf passiert, wird vermutlich weit unter 10 % tatsächlich ausgesprochen.


Warum wir nicht alles aussprechen

Zwischen dem, was wir innerlich erleben, und dem, was wir sagen, liegt ein Filter:


  1. Der Gedanke entsteht (oft unbewusst)
  2. Er wird bewertet („Darf oder soll ich das sagen?“)
  3. Er wird sprachlich strukturiert
  4. Er wird umgesetzt


Soziale Normen, Angst vor Ablehnung, kognitive Ökonomie und unklare Gedanken sorgen dafür, dass Menschen häufig mehr denken, als sie sagen und nicht immer das aussprechen, was sie denken.


Homöopathie als Raum für innere Kommunikation

Eine homöopathische Anamnese bietet für viele Menschen einen besonderen Raum, um das eigene innere Erleben ernst zu nehmen. Sie unterscheidet sich von rein medizinischen Gesprächen, weil sie nicht nur nach Symptomen fragt, sondern nach dem, was subjektiv empfunden wird: Gedanken, Gefühle, Bilder oder Stimmungen. Diese Art der Reflexion erlaubt es, oft schwer greifbare innere Prozesse in Worte zu fassen. 


Für Menschen mit einer Krebsdiagnose kann dies besonders wertvoll sein, weil viele ihrer inneren Erfahrungen sonst keinen Raum finden. In diesem Rahmen können Betroffene langsam die eigenen Gedanken, Ängste und Hoffnungen artikulieren, ohne bewertet zu werden. 


Das Aussprechen selbst ist bereits ein wichtiger Schritt: Es fördert Bewusstheit, Selbstwahrnehmung und das Gefühl, dass das eigene innere Erleben gehört wird.


Auch die Einnahme eines Mittels kann für manche Menschen ein Ritual sein. Sie kann als bewusster Akt der Selbstfürsorge erlebt werden: „Ich tue etwas für mich.“ 

Dieses bewusste Handeln kann entlastend wirken und das Gefühl von Handlungsfähigkeit stärken. Mit diesem Ritual geht häufig eine verstärkte Selbstbeobachtung einher. Menschen achten mehr auf ihren Körper, ihre Gefühle und Gedanken: Wie verändert sich die Stimmung? Wie reagiert der Körper auf Belastung oder Entspannung? Was beeinflusst die innere Ruhe oder Anspannung? Dieses achtsame Hinspüren fördert das Körpergefühl, hilft, eigene Grenzen wahrzunehmen, und unterstützt die Fähigkeit, innere Prozesse zu reflektieren.


Viele Betroffene ergänzen diesen Prozess durch ein Tagebuch. Das Aufschreiben von Beobachtungen und Empfindungen kann helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen, kleine Fortschritte ebenso wie Herausforderungen. Gleichzeitig schafft es die Möglichkeit, Muster im eigenen Erleben zu erkennen und reflektiert über Veränderungen nachzudenken. Solche Aufzeichnungen können auch die Kommunikation mit dem Homöopathen erleichtern und sicherstellen, dass das Gespräch auf die wichtigsten Themen konzentriert wird.


Insgesamt bietet die homöopathische Anamnese damit mehr als nur die Besprechung von Symptomen. Sie kann ein strukturiertes, begleitendes Instrument sein, um das eigene innere Erleben bewusst wahrzunehmen, Selbstgespräche zu ordnen und das Gefühl von Kontrolle und Selbstfürsorge zu stärken. 

Für viele Menschen wird sie zu einem Raum, in dem das Unsagbare allmählich Worte findet. Ein Schritt, um wieder Verbindung zu den eigenen Gedanken, Gefühlen und Körperwahrnehmungen herzustellen.


Fazit

Eine Krebsdiagnose betrifft nicht nur den Körper, sondern auch das innere Erleben. Vieles davon bleibt unausgesprochen, nicht aus Desinteresse, sondern weil Worte fehlen. Achtsame Kommunikation kann helfen, diesem inneren Erleben Raum zu geben und entlastend zu wirken.



Die Bedeutung einer homöopathischen Anamnese liegt nicht nur in der Substanz, sondern auch in Aufmerksamkeit, Zeit und der bewussten Hinwendung zum eigenen Inneren. Für manche Betroffene kann dies ein unterstützender Weg sein, um Ängste, Unsicherheiten oder Sinnfragen besser wahrzunehmen und die eigene innere Stimme wieder zu entdecken.

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